Gudrun Gersmann (Geschichte der Frühen Neuzeit, Köln)

"Von 'Honvlez' zum 'Baron von Hüpsch': Die (auto)biographischen Metamorphosen eines Sammlers des 18. Jahrhunderts"
18.06.2018

Ort: Bibliothek des Internationalen Kollegs Morphomata, Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. Etage), 50937 Köln

Zeit: 18.00 Uhr

Kontakt: Karena Weduwen 
(karena.weduwen[at]uni-koeln.de)

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Jean Guillaume Adolphe Fiacre Honvlez alias „Baron Adolf von Hüpsch“ (1730 - 1805) war ein bedeutender Sammler, Arzt, Aufklärer und Universalgelehrter des 18. Jahrhunderts. Um 1760 gründete Honvlez / von Hüpsch in Köln ein Kunst- und Naturalienkabinett, das sich bis zu seinem Todesjahr 1805 zu einem europäischen Publikumsmagneten par excellence entwickelte: Die enzyklopädisch angelegte, heute im hessischen Landesmuseum Darmstadt aufbewahrte und ausgestellte Sammlung des „Barons“ umfasste am Ende ca. 15 000 Objekte, Gemälde, Skulpturen, Fossilien, Mineralien, Elfenbeinschnitzereien, seltene illuminierte Handschriften ebenso wie Inkunabeln und historische Kostüme. Über seine vielfältigen Aktivitäten hinaus ist Honvlez / von Hüpsch kulturgeschichtlich vor allem interessant als Hauptakteur einer paradigmatischen Geschichte der Häutungen und Täuschungen, der Imagebildung, Reputationsaneignung und des professionellen „Fakens“ im Milieu der Sammler des späten 18. Jahrhunderts. Denn er hat sich, wie die überlieferten Quellen ohne jeden Zweifel belegen, im Laufe seines Lebens biographisch immer wieder neu erfunden: So legte er sich mit gefälschten Papieren Adelstitel und einen vornehmen, auf die römische Antike zurückreichenden Stammbaum zu, erwarb mit falschen Unterschriften Zugang zu Akademien und gelehrten Einrichtungen und ließ schließlich sogar durch einen fiktiven Autor und fiktive Gewährsmänner die eigene Biographie als Lobrede auf einen „Wohltäter der Menschheit“ schreiben. Solche Verhaltensweisen sichern von Hüpsch neben prominenten „Rollenvorbildern“ wie dem „Lügenbaron“ Münchhausen oder dem Comte (oder besser: der Comtesse) d'Éon, der ersten bekannten europäischen Transgender-Figur überhaupt, einen eigenen Platz in der „chronique scandaleuse“ des 18. Jahrhunderts, in einer langen Reihe echter und fiktiver Hochstapler und Abenteurer. Im Unterschied zu der älteren Forschung, die die (auto)biographischen „Tricks“ des Barons als Ausdruck einer im Grunde harmlosen Eitelkeit interpretierte, will der Vortrag aufzeigen, dass es sich bei den Manipulationen des „Barons“ um die Strategien eines sozialen Aufsteigers handelte, der sich auf die skizzierte skrupellose Art und Weise das dringend benötigte „symbolische Kapital“ (Pierre Bourdieu) beschaffte, um in den Reputationssystemen und Netzwerken der Sammler, aber auch der potentiellen Objektgeber, reüssieren zu können. Erst die Konstruktion einer neuen Identität verschaffte ihm die Glaubwürdigkeit, die er in der von Konkurrenz geprägten Kölner Sammlergemeinschaft des späten 18. Jahrhundert zur Erweiterung seiner Sammlungen brauchte.

Respondenz: Karl-Joachim Hölkeskamp (Köln)

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Gudrun Gersmann (Köln): "Von 'Honvlez' zum 'Baron von Hüpsch': Die (auto)biographischen Metamorphosen eines Sammlers des 18. Jahrhunderts"

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