Wilhelm Voßkamp (Literaturwissenschaft, Köln)

Porträtkunst und Physiognomie in Goethes 'Dichtung und Wahrheit'
11.05.2020

Ort: Bibliothek des Internationalen Kollegs Morphomata, Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. Etage), 50937 Köln

Zeit: 18.00 Uhr

Kontakt: Karena Weduwen
(karena.weduwen[at]uni-koeln.de)

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„Ein bloßes Stottern“. Goethes Porträtkunst und die Tradition der Physiognomie in „Dichtung und Wahrheit“

Versuche, vom Äußeren des menschlichen Gesichts auf das Innere des Charakters zu schließen, sind eine alte und neue Versuchung. Nicht nur in politischen und ökonomischen Zusammenhängen spielt Gesichtserkennung heute eine Rolle, sondern auch in Analysen und Verfahren zur Morphometrie, wie sie etwa zur Entwicklung digitaler Gesichtsmodelle angewandt werden. 

Im 18. Jahrhundert erhält die Frage von Gesichtserkennung und -deutung eine besondere Aufwertung in der Physiognomie von Johann Caspar Lavater. Die Wahrheit vom Gesicht abzulesen wird nicht nur Mode und Gesellschaftsspiel (etwa im Schattenriss), sie wird auch als Wissenschaft deklariert, die so gut wie die Mathematik, Physik und Theologie betrieben werden soll. Die Wirkung Lavaters lässt sich kaum überschätzen. 

Dessen „Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ (ab 1775 in fünf großen bebilderten Bänden erschienen) faszinieren auch Johann Wolfgang Goethe, der zeitweilig zu einem Mitarbeiter Lavaters wird. In seinem zentralen autobiographischen Werk „Dichtung und Wahrheit“ nutzt er dessen Ansatz in vielen literarischen Porträts und distanziert sich zugleich davon. Lassen sich personale Ansichten (Bilder und Zeichnungen) in Texte ‚übersetzen‘? Kann die Lebens- und Bildungsgeschichte porträtierter Personen über bildliche Darstellungen schriftlich vergegenwärtigt werden? Goethes Antworten zielen auf zentrale Fragen des „Ineffabile“ menschlicher Individualität. 

Respondenz: Anja Lemke