Adrian Robanus (Neuere deutsche Literatur, Köln)

Erlesener Wahnsinn. Lektüre und Biografie in Jean Pauls "Titan" (1800-1803)
13.05.2019

Ort: Bibliothek des Internationalen Kollegs Morphomata, Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. Etage), 50937 Köln

Zeit: 18.00 Uhr

Kontakt: Karena Weduwen
(karena.weduwen[at]uni-koeln.de)

Plakat herunterladen
Flyer herunterladen

Die MLC konzentriert sich auf eine Figuren- als Lesebiografie in Jean Pauls Roman Titan: Der Bibliothekar Schoppe wird einerseits als Fichte-Leser präsentiert, der aus der zunächst satirischen Fichte-Lektüre in der Clavis Fichtiana seine eigene solipsistische Version der Fichteschen Philosophie entwickelt hat. Andererseits weist seine in einer öffentlichen Anzeige vollzogene Selbstdiagnose von Symptomen beginnenden Wahnsinns ihn als Kenner zeitgenössischer psychiatrischer Diskurse aus, etwa wenn er sich auf die fixe Idee bezieht. In einer idiosynkratischen Kombination von Fichtes Ich-Philosophie und zeitgenössischen Wahnsinnstheorien entwickelt er das Projekt, sich seine eigene fixe Idee selbst zu wählen, um so in den Idealzustand vollkommener Identität von Tun und Denken ohne Bewusstsein der Zukunft oder der Vergangenheit zu geraten.

Schoppe wird somit als interessegeleiteter Leser konturiert, der die von ihm rezipierten Texte jeweils in seinem Sinne auslegt und damit eine Argumentationsbasis für sein Handeln erreichen kann. Besonders deutlich wird dies, als er versucht, sich vor seinem Wunsch, seinen Erzfeind zu töten, „wahren Abscheu und Greuel im voraus einzuprägen und eigen zu machen“ und so die potentielle juristische Zurechnung der Tat zu vermeiden. Schoppe wird als individualistischer Leser vorgestellt, bei dem die Krise des Verstehens darin mündet, den philosophischen wie den psychiatrischen Diskurs der Zeit jeweils an seinen aporetischen Stellen für sich zu vereinnahmen.

Die Folgen dieser Lektüren für Schoppes Leben werden innerhalb des Titan sehr drastisch gezeichnet. In der MLC soll die Beobachtung des Konnex von Leben und Lesen in der Literatur um 1800 anhand dieser besonders exzentrischen Lesebiografie dargestellt werden.

Respondenz: Joachim Harst (Köln)