Nina Verheyen (Neuere Geschichte, Essen)

‚Persönliche Leistung‘ als relationale Praxis. Global- und verflechtungsgeschichtliche Perspektiven – Virtual Lecture
18.01.2021

Ort: Virtual Lecture via Zoom

Zeit: 18.00 Uhr

Kontakt: Lea Kreuzburg
(lea.kreuzburg[at]uni-koeln.de)

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„All die Hunderttausende, die zum ersten Mal in ihrem Leben eine Anstellung in einem Geschäft, einem Bureau, bei einer Behörde erhalten, sind gewiß von dem Glauben beseelt, daß lediglich die Ehrenhaftigkeit und die Leistungen des Einzelnen für das Emporsteigen maßgebend sind: für die Staatlichen Beamten steht das sogar ganz ausdrücklich auf dem Papier! Allein, wie ganz anders ist die Wirklichkeit!“ Mit diesen Worten setzte ein 1904 in Hamburg publizierter Karriereratgeber ein, dessen Autor lieber anonym bleiben wollte. Denn im Folgenden lieferte er Tips und Tricks, wie sich beruflicher Erfolg auch ohne eigene Leistung erreichen lasse, durch geschicktes Anschmeicheln etwa oder das Vortäuschen einer christlichen Lebensführung. Der Text ist damit typisches Beispiel für ein hochgradig ambivalentes Leistungsdenken der Jahrhundertwende, das einen verlässlichen Kern allerdings in einem individualistischen und essentialistischen Verständnis persönlicher Leistung fand: verstanden als etwas, das ein Einzelner aus sich selbst heraus schuf, ganz allein – oder eben auch nicht.  

Der Vortrag fasst persönliche Leistung dagegen als eine relationale Praxis, die Menschen vielschichtig miteinander in Beziehung setzte, sei es als Konkurrierende, sich gegenseitig Unterstützende oder auch einander Applaudierende. Hiervon ausgehend bettet er alltägliches Leistungsdenken in Deutschland um 1900 in global- und verflechtungsgeschichtliche Perspektiven ein. Denn in dieser Zeit wurde es nicht nur immer üblicher, die Leistungen verschiedener Menschen systematisch miteinander zu vergleichen – auf lokaler, nationaler und dem Anspruch nach globaler Ebene. Sondern indem die Vergleiche den Fokus ganz auf angeblich rein persönliche Leistungen tüchtiger Einzelner richteten, lenkten sie den Blick auch weg von all Jenen, die als Unterstützende, Helfende und (Mit-)arbeitende im Hintergrund wirkten. Und in einer zunehmend global verflochtenen Welt lebten diese längst nicht mehr vorrangig in räumlicher Nähe, sondern auch weit entfernt.  

Die MLC Vorträge finden in diesem Semester aufgrund der Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie als virtuelle Vorträge über Zoom statt. Zuhörerinnen und Zuhörer sind herzlich willkommen.  Zur Anmeldung für eine Online-Lecture wenden Sie sich bitte an Lea Kreuzburg (lea.kreuzburg[at]uni-koeln.de).