Marisa Siguan (Barcelona)

Autofiktion als Autobiographie, als Nachruf und als Verweis auf Utopie. Herta Müller und Max Aub
01.02.2016

Ort: Bibliothek des Internationalen Kollegs Morphomata, Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. Etage), 50937 Köln

Zeit: 18.00 Uhr

Kontakt: Larissa Förster (larissa.foerster[at]uni-koeln.de)

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Die beiden Autoren, die ich in dem Vortrag behandle, bezeugen unterschiedliche Gewalterfahrungen, Versehrtheiten und Fassungslosigkeiten. Herta Müller erlebte die Diktatur Ceauşescus, eine sozialistische Diktatur nach dem Zweiten Weltkrieg, sie erfuhr Unterdrückung und Gewalt und wanderte 1987 nach Deutschland aus. Max Aub wiederum erlebte den spanischen Bürgerkrieg und den Untergang der spanischen Republik, er ging ins Exil, wurde in französische Lager interniert und konnte schließlich nach Mexiko emigrieren, wo er 1972 starb.

Es geht also um zwei Autoren, die Gewalt und Exil erfahren haben und aus dieser Erfahrung heraus schreiben. Ihre Texte entstehen aus dem eigenen Erleben, das sie dokumentieren möchten und von dem sie Zeugenschaft ablegen wollen, sie entstehen also aus der eigenen Biographie. Dennoch handelt es sich hier um keine autobiographischen Texte. Im Gegenteil bedienen sich Müller und Aub der Fiktion, sie fiktionalisieren ihr Erleben, und dies in Form von Autofiktion. Ich möchte zeigen, wie diese Autofiktion bei beiden Autoren auf je unterschiedliche Weisen ein Instrument der Wahrheitssuche ist, aber auch eines der Distanzierung von der eigenen traumatischen Vergangenheit, und wie sie gleichzeitig als Medium des Zeugentums und des Nachrufs fungiert.

Als Dokumentation der Gewalterfahrung haben wir es hier mit einem Schreiben zu tun, das aus der Erinnerung schöpft, insofern ist es rückwärtsgewandt. Aber gleichzeitig impliziert die Erinnerung immer auch einen vorwärtsgerichteten Aspekt: wir erinnern, um uns im jeweiligen Jetzt zurechtzufinden. Insofern ist Erinnerung ebenso zukunftsgewandt – denn wir erinnern auch das, was nicht passiert ist, was aber hätte passieren können, also die vergangenen Möglichkeiten in unserem Leben oder der geschichtlichen Ereignisse. Hier liegt auch ein utopisches Moment, dem ich nachgehen möchte.

Bei Herta Müller möchte ich der Autofiktion in der Erschreibung der Vergangenheit nachgehen – als Wahrheitssuche und als Nachruf auf die Opfer der Diktatur – sowie dem utopischen Moment der Freiheit in der Sprachfindung. Bei Max Aubs Autofiktion interessiert mich das utopische Moment, das in der Erinnerung an die verpassten Möglichkeiten der Geschichte liegt. Mein Punkt wäre, dass all das nur über autofiktionales Erzählen geht, nicht aber über autobiographisches.

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Marisa Siguan (Barcelona): Autofiktion als Autobiographie, als Nachruf und als Verweis auf Utopie. Herta Müller und Max Aub

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