Hans Peter Hahn (Frankfurt)

Karrieren von Dingen. Dinge in der Schwebe halten (geänderter Titel)
27.06.2016

Ort: Bibliothek des Internationalen Kollegs Morphomata, Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. Etage), 50937 Köln

Zeit: 18.00 Uhr

Kontakt: Larissa Förster (larissa.foerster[at]uni-koeln.de)

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Die Geschichte der geisteswissenschaftlichen Beschäftigung mit materieller Kultur ist eine Geschichte der fortlaufenden Aufwertung. Der Begriff „Karriere“ hat hier seinen unmittelbaren Sinn. Wann immer Denker des 19. und 20. Jahrhunderts sich den Dingen zugewandten, kamen Sie zur Folgerung, die Bedeutung der Dinge für die Konstituierung von Kultur sei bislang unterschätzt worden. Gleichviel, ob man die Werke von Karl Marx oder Georg Simmel zu Rate zieht, in beiden Fällen kommen die Autoren zum Schluss, dass der materiellen Seite der Gesellschaft eine bislang übersehene Erklärungskraft hat. Das gilt nicht weniger für wichtige Figuren aus dem 20. Jahrhundert, z. B. Roland Barthes und Pierre Bourdieu. Beide informieren den geneigten Leser darüber, wie die verborgenen Wechselwirkungen der Dinge mit der Konstitution von Gesellschaft einhergehen; in welchem Ausmaß die Gegenwart von Konsumgütern, aber auch von Kunstwerken zur Identitätsbildung und Sinnstiftung beitragen. Der massive Trend zur Aufwertung des Materiellen ließe sich noch durch zahlreiche andere Autoren der Gegenwart belegen. Meine These ist jedoch, dass die Aufforderung zu einer höheren Bewertung in erster Linie vor der Folie einer sehr viel längeren Geschichte der Zurückweisung des Materiellen zu verstehen ist. Abendländisches Denken bedeutet qua Definition, das Geistige zu suchen, das Handeln des Menschen als eine Folge seiner Ideen und Intentionen zu begreifen und die Entwicklung von Gesellschaft im Kontext von Ideologien zu beschreiben. Die genannten Autoren haben etwas Gutes getan, indem sie dieser Einseitigkeit entgegenwirkten. Haben sie nicht aber „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“? Im Zentrum meines Beitrags steht die Frage, ob mit dem wissenschaftlichen Bemühen um Aufwertung nicht einige wichtige Eigenschaften von Dingen übersehen worden sind? Kann es sein, dass die Tendenz der Aufwertung bislang nicht hinreichend aufmerksam die Alltäglichkeit der Dinge, ihre Unbestimmtheit und die Flexibilität in Gebrauchsweisen berücksichtigt hat? Ich vertrete die These, dass es bislang keine nachhaltige Theorie materieller Kultur gibt, weil die genaue Beobachtung der Alltäglichkeit vernachlässigt wurde.

Audiomitschnitte

Hans Peter Hahn (Frankfurt): Karrieren von Dingen. Dinge in der Schwebe halten