Die Evidenz des Mythos

04.–06.05.2011

Organisation: Morphomata (Maria Moog-Grünewald, Ludwig Jäger, Andreas Kablitz)

Plakat herunterladen
Flyer herunterladen

Die Konferenz geht von der Frage aus, warum die antiken Mythen in den westlichen Kulturen bis auf den heutigen Tag präsent sind, warum die ‚Arbeit am Mythos‘ zu allen Zeiten seit mehr als fast dreitausend Jahren ungebrochene Fortsetzung findet. Das Phänomen selbst, die ‚Arbeit am Mythos‘, ist in unzähligen großen und kleineren Studien erfasst, die Varianten und Variationen sind in ihren jeweiligen Voraussetzungen und Folgen beschrieben.

Nicht geklärt ist jedoch bislang der Grund der Faszination, der Wirkmechanismus, der in allen Zeiten und für jede einzelne ‚Arbeit am Mythos‘ gültig ist, für den Euhemerismus nicht anders als für die Allegorese, die ‚Korrektur‘ nicht anders als die Parodie.

Von Interesse sind also die Funktionen der ‚Gestaltgebung‘, näherhin die nach Zeiten und Räumen differenten Funktionalisierungen von Ritus, Mythos, Poiesis. Denn es scheinen von Anbeginn die Funktionalisierungen des Mythos bzw. der Mythen zu sein, die deren Gegenwärtigkeit begründen. Für das Gelingen der Funktionalisierung ist wiederum deren Evidenzierung von entscheidender Bedeutung. Pointiert gesagt sind Mythen Narrative der Evidenz. Evidenzierung aber ist auf Verfahren angewiesen, die näherhin zu beschreiben sind. Allgemein sind es Verfahren der Transkription, i.e. Verfahren der Fort- und Neuschreibung, die geradezu als Voraussetzung der Evidenz fungieren. Deren jeweilige historische und – in Ableitung – systematische Beschreibung und Interpretation erlauben, einen Mythosbegriff zu bilden, der für die frühe griechische Antike nicht anders als für die nachfolgenden (fast) drei Jahrtausende und darüber hinaus für alle Kulturen in allen Zeiten Geltung beanspruchen kann und der darüber hinaus begründet, warum die antiken Mythen in den westlichen Kulturen bis auf den heutigen Tag präsent sind.

Der Kongress, an dem Archäologen, Klassische Philologen, Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaftler, Musik- und Kunstwissenschaftler teilnehmen, setzt sich nicht allein zum Ziel – wie bislang üblich –, die jeweiligen Besonderheiten der je historischen Rezeption und Transformation eines Mythos/einer mythischen Figur zu beschreiben; vielmehr sucht er die Frage zu beantworten, wie eine ‚Erzählung‘ zum Mythos wird, worin seine Aufnahmen begründet liegen und vor allem, welche – auch nach Disziplinen – differenten Verfahren seine Evidenzierung ermöglichen.

Audiomitschnitte

Ludwig Jäger (Köln/Aachen): Zur transkriptiven Logik des Mythos

Walter Burkert (Zürich): Sintflut/Sündflut - Mythenüberlieferung und Mythenwirkung

Arbogast Schmitt (Marburg): Mythos - Deutung durch Gestaltung von Handlung. Zu Darstellung und Verständnis des Mythos von Homer bis Aristoteles

Jan Bremmer (Groningen): Modifying Myth in Ancient Greece: Three Examples

Bernard Greiner (Tübingen): Unmittelbare Sicherheit der Anschauung: Die Evidenz des (Dionysos-)Mythos als Gabe der Tragödie. Nietzsches Tragödienschrift in Abgrenzung zu untragischen Mythenbestimmungen

Steffen Schneider (Tübingen): Helena - ein Phantom: Konfiguration eines Mythologen

Melanie Wald-Fuhrmann (Lübeck): Der Klang des Mythos

Daniela Hammer-Tugendhat (Wien): Satyr und Teufel. Antike Mythen als Legitimation der Repräsentation von Sexualität in einer christlichen Kultur

Maria Moog-Grünewald (Tübingen): Mythisierung des Mythos: Anmerkungen zu Pierre Klossowskis "Le Bain de Diane"