Abendvortrag Jakob Tanner (Zürich): Image Control in der Frühaufklärung:

zum Zusammenspiel von Machteffekten und Subjektivierungsprozessen
04.07.2017

Die Frühaufklärung (ca. 1680 bis 1730) war eine (Übergangs-) Phase, in der auf riskante Weise neue Grenzen des Sagbaren und bisher unbekannte Subjekti- vierungsprozesse erprobt wurden. Damals setzten sprechende und schreibende Akteure radikale Gedanken in die Welt, die oft als ketzerisch abgewiesen wur- den. Sie bewegten sich oft in hermetischen Zirkeln (cercles de pensées) und publizierten anonym. Aufklärung und Geheimnis erweisen sich als Kehrseiten ein und desselben Vorgangs, in dem vernunftbasierte Machtkritik immerzu auch als illegitime Aufforderung zum Umsturz legitimer Herrschaftsverhältnisse wahrgenommen wurde. Angesichts dieses Bedrohungsdispositivs lebten Autoren, die Gott neu definierten oder die gesellschaftliche Einrichtungen neu interpretierten, gefährlich. Im Vortrag wird gezeigt, wie ein innovativer Umgangs mit sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten listig-subversive Analysen religiöser und moralischer Vorstellungen ermöglichte. Joseph de la Vegas Buch über die Amsterdamer Börse, das 1688 unter dem Titel „Verwirrung der Verwirrungen“ erschien, ist besonders geeignet, diese Strategien der Imagesteuerung darzustellen. Anhand dieses und weiterer Autoren wie Pierre Bayle und Bernard de Mandeville wird das Zusammenspiel von Persönlichkeitskonstitution und Machteffekten sowohl exemplarisch als auch in systematischer Perspektive exploriert.