Paul Michael Lützeler

Germanist, St. Louis
Aufenthalt: 01.05.-31.07.2014 und 01.05.-31.07.2015

Jahrbuch(at)wustl.edu
+49 (0)221 470-1289

 

Vita

Paul Michael Lützeler ist Rosa May Distinguished University Professor in the Humanities an der Washington University in St. Louis. Er lehrt dort deutsche und europäische Literatur und Kultur und leitet das von ihm gegründete Max Kade Center for Contemporary German Literature, zu dessen Aktivitäten die Herausgabe des germanistischen Jahrbuchs „Gegenwartsliteratur“ zählt. Er hat Bücher über Hermann Broch, den literarischen Europa-Diskurs, zum Thema Literatur und Geschichte in der Klassik und Romantik sowie zur zeitkritischen Gegenwartsliteratur veröffentlicht. Als Herausgeber hat er das Werk Hermann Brochs ediert sowie zahlreiche Tagungsbände und Anthologien in seinen Forschungsgebieten publiziert. Als Kritiker schreibt er für Kulturzeitschriften und Zeitungen. An Auszeichnungen hat er u.a. den Humboldt-Forschungspreis und die Goethe Medaille erhalten.

 

Forschungsschwerpunkte

Deutsche und europäische Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, Exildichtung, Hermann Broch, Gegenwartsliteratur, literarischer Europa-Diskurs

 

Projektskizze

Hermann Brochs autobiografische Schreibweisen im Exil

 

Anders als Freunde Brochs wie Stefan Zweig und Elias Canetti hat Broch keine Autobiografie im engeren Sinne geschrieben. Doch gibt es viele Texte des Autors, die Merkmale des Autobiografischen aufweisen. Erstens gilt das Augenmerk folgenden Ego-Dokumenten, denen Broch den Vorzug vor einer Autobiografie gab: Dem „Tagebuch für Ea von Allesch“, seiner „Autobiographie als Arbeitsprogramm“, der „Psychischen Selbstbiographie“, seiner biografischen Studie „Hofmannsthal und seine Zeit“ und zudem einer außerordentlich umfangreichen Korrespondenz. Ich werde unter Berücksichtigung der Gattungstheorien der Autobiografie und Biografie, des Tagebuchs und des Briefes die Eigenart des Ineinanders der autobiografischen Schreibweisen in Brochs selbstpoetischen Texten analysieren. Zweitens werde ich den Grund für die Hinwendung zum epistolarischen Werk in der Ethik Brochs ausmachen. Der Autor verband in seinen Schriften zur Literatur immer Fragen der Ethik mit jenen der Ästhetik. Dass Broch keine Memoiren im engeren Sinne schrieb und stattdessen den Brief als autobiografische Ausdrucksform favorisierte, hatte im Exil mit seiner ethischen Position zu tun, die durch Martin Bubers dialogisches Denken (Ich-Du-Philosophie) beeinflusst war. Auch wirkten Kantische Pflichtvorstellungen nach, die ihn die Fertigstellung seiner wissenschaftlichen und dichterischen Arbeiten als dringender empfinden ließ als die Arbeit an einem Rückblick auf bereits Geleistetes. Drittens werde ich am Beispiel der noch weitgehend unerschlossenen Korrespondenz Brochs mit Frank Thiess zeigen, wie die angesprochenen ethischen und ästhetischen Aspekte hier reflektiert werden. Die in diesem Briefwechsel angestellten Überlegungen spielen auch eine Rolle im Dialog der beiden Autoren über Exil und Innere Emigration. 

 

Publikationen (Auswahl)

Mongraphien

  • Transatlantische Germanistik. Kontakt, Transfer, Dialogik (Berlin: De Gruyter, 2013).
  • Hermann Broch und die Moderne. Roman. Menschenrecht, Biografie (München: Fink, 2011).
  • Bürgerkrieg global. Menschenrechtsethos und deutschsprachiger Gegenwartsroman (München: Funk, 2009).
  • Kontinentalisierung: Das Europa der Schriftsteller (Bielefeld: Aisthesis, 2007).
  • Postmoderne und postkoloniale deutschsprachige Literatur (Bielefeld: Aisthesis, 2005).

 

Editionen

  • Transatlantische Korrespondenz: Hermann Broch und Ruth Norden (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2005).
  • Freundschaft im Exil. Thomas Mann und Hermann Broch (Frankfurt am Main: Klostermann, 2004).
  • Hannah Arendt – Hermann Broch. Briefwechsel 1946 bis 1951 (Frankfurt am Main: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 1996).