Michail Ryklin

Philosophie / Schriftsteller, Moskau/Berlin
Aufenthalt: 01.10.2015 - 31.03.2016

Vita

Seit 1997 Leitender Wissenschaftler, Fachbereich Philosophische Anthropologie, Institut für Philosophie, Russische Akademie der Wissenschaften in Moskau
Seit 1995 Kulturkorrespondent der Zeitschrift Lettre International, Berlin

Lehre und Forschung

1991 Gastwissenschaftler, Maison des Sciences de l’Homme, Paris
1991-1992 Gastdozent (Directeur d’etudes associe) , Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales, Paris
1992-1993 Fellow, Society for the Humanities, Cornell University, Ithaca (USA)
2002 Senior Fellow, Institute for Advanced Studies, University of Bristol
Seit 2006 Ehrenmitglied, Zentrum für Literatur-und Kulturforschung, Berlin

2007 Preis für europäische Verständigung der Leipziger Buchmesse (mit Gerd Koenen)

 

Forschungsschwerpunkte

Theorie und Geschichte des Totalitarismus in der UdSSR, Kommunismus als Religion, Philosophie und Diktatur, Dekonstruktion, Moskauer Konzeptualismus, „Gotteslästerliche“ Kunst und Orthodoxer Fundamentalismus

 

Projektskizze

Pluto, nicht Orpheus“. Das Biographische in Schalamows „neue Prosa“

 

Kein anderer Schriftsteller ist so scharf gegen ein „touristisches Prinzip“ in der Literatur vorgegangen wie Warlam Schalamow. Nach eigener Aussage hört er als Verfasser der „neuen Prosa“ auf, bloßer Zuschauer zu sein, er nimmt direkt am Drama des Lebens teil, und zwar nicht als Außenseiter, sondern als Mensch, mit eigenem Blut, mit eigener Haut. Alles nur Eingebildete wird für die „neue Prosa“ überflüssig und muss gnadenlos entfernt werden. Frühere Literaten bedienten sich der Sprache der Leser, jetzt sollen sie lernen, dem Leser ihre eigene, durch first-hand Erfahrung erworbene Sprache beizubringen.

Nach zwanzig Jahren im GULAG war der Autor der „Erzählungen aus Kolyma“ selbst Verkörperung dessen was er für die notwendige Voraussetzung einer neuen Literatur hielt. Vorbildlich war er „nicht Orpheus, der in die Hölle hinabsteigt“, sondern „Pluto, der aus der Hölle entsteigt“. Erdichten brauchte er nichts, sein Gedächtnis enthielt eine ganze Menge Sujets, „man musste nur auswählen und das Geeignete aufs Papier bringen“.

Er wollte Prosa schreiben, die sich vom historischen Dokument nicht unterscheidet. Das gelang ihm nur teilweise: Ihm wurde bewusst, dass kein Dokument einer solchen Unmenschlichkeit, die seine Texte belegen, standzuhalten imstande gewesen wäre.

Seine endgültige Definition der „neuen Prosa“ lautete: „Keine Prosa des Dokuments, sondern die Prosa, die durchlitten ist, wie ein Dokument.“

Schalamows Literatur war gleichzeitig Vita, Biographie, life writing. Er verstand es, die Trennlinie zwischen Kunst und Leben so dünn wie möglich halten. Sein Weg zum breiten Publikum war durch diese kompromisslose Haltung verurteilt „steinig“ zu sein.

Umso erfreulicher ist es, dass in den letzten Jahren seine „neue Prosa“ in Europa mehr und mehr Leser und Bewunderer findet.

Ergänzend hierzu plane ich auf der Grundlage von Archivmaterial im Besitz meiner Familie einen biographischen Aufsatz über die verschiedenen darin dokumentierten Todesarten (vom natürlichen Tod bis hin zum Tod durch Erschießen) meines Großvaters mütterlicherseits, Sergei Pawlowitsch Tschaplin, der Anfang 1942 auf Kolyma in Stalins KZ starb.

 

Publikationen (Auswahl)

  • Buch über Anna, Suhrkamp, 2014.
  • Die inszenierte Einsamkeit. – FAZ, 31.01.15.
  • Genie und Narr. – NZZ, 21.02.15 Verlag.
  • Pristan’ Dionisa. Kniga Anny (Der Hafen von Dionysos. Annas Buch).
    Verlag Logos, Moskau 2013.
  • Kommunismus als Religion. Die Intellektuellen und Oktoberevolution.
    Verlag der Weltreligionen, Frankfurt-am-Main 2008.
  • Mit dem Recht des Stärkeren. Russische Kultur in Zeiten der gelenkten Demokratie.
    Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2006.
  • Dekonstruktion und Destruktion. Diaphanes, Zürich-Berlin 2006.
  • Räume des Jubels. Totalitarismus und Differenz. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003.